Schwester Zange, Bruder Gerhard… ein Puppenkurs für vier Schwestern

Endlich war es soweit, irgendwann im grauen Februar verabredet und jetzt im Juni die sieben plus 80 Sachen gepackt, viel, viel Stopfwolle dabei und auf nach Köln, Puppenkurs.Es ist ja doch jedes mal sehr spannend,was für Frauen kommen werden zum Puppenkurs, diesmal wußte ich, es sind vier Schwestern und wir dürfen das Schneideratelier des Mannes der Schwester, die geladen hat nutzen. Beste Vorraussetzungen. Doch das alles dann noch so viel besser kommen konnte, als die Vorraussetzungen versprachen, daß war ein Geschenk des Puppenhimmels!

Ein wunderbar, liebevoll hergerichtetes altes Haus und der wohl klarste, aufgeräumt sauberste Arbeitsplatz den ich je gesehen habe,auf dem Plattenteller drehte sich Sugerman, eine meiner Lieblingsmusiken. Und los geht es, Köpfe rollen, hier der gegenteilige Prozess des bekannten Köpferollens, hier wird nicht abgeschlagen, sondern aufgewickelt und zwar ganz, ganz fest, damit der Puppenkopf möglichst lange rund bleibt und nicht zum platten Pfannkuchen wird.Was die Festigkeit der Köpfe angeht bin ich recht streng, und wenn ich merke, dass ich talentierte Festrollerinnen um mich habe, dann werde ich noch ein bisschen strenger. Hier hatte ich gleich vier Festrollerinnen um mich, als Feststopferinnen entpuppten sie sich später auch noch – Ein Kuckuck ruft, oder war es ein Hahn, das Handy einer der Schwestern, der Mann mit drei Kindern zuhause beim Kirschkompott kochen – alles ganz  wie im Rezept beschrieben, aber das Kompott bleibt flüssig! – ganz sicher?, ja sicher, ganz sicher – und Speisestärke? ach so nein, muss die da auch dran, an den Kompott??

Zurück an den Tisch, zurück zum Köpfe rollen. Es ist still, es wird gelacht, geschwitzt und immer wieder gegenseitiges Erinnern zu trinken, es ist warm, Kölner Schwüle und Puppenmachen ist anstrengend, das will keiner so recht glauben, bevor nicht selbst erlebt.

Aus der Küche kommen Schneidegeräusche und einzelne, sich immer zu kompakteren Gebilden mischende Düfte, die an unseren Nasen vorbei ziehen und uns von den Puppen weglocken. Es gibt Flußkrebspasta, ein Gedicht, mit feinster Anisnote, köstlich! Der Hausherr, der Schneider,um genau zu sein der Herrenschneider, war der Koch und wird es für die Zeit des Kurses bleiben, wunderbare Aussicht. Gleich entspinnen sich Gespräche übers Nähen, kleine Tricks und Tips. Die Kurspuppe wird fachmännisch in die Hand genommen und betrachtet und wir erfahren Geheimnisse aus der Herrenschneiderwelt. Hier ist absolute Präzision gefragt und ich komme ganz schön ins Staunen, was alles an einer ordentlichen Anzug Jacke mit der Hand genäht wird und vor allem wie die Nadel richtig gehalten wird, siehe Foto

( ich muss gestehen, ich halte sie anders will es aber ausprobieren). Da gibt es Kaschmirstoffe die 900€ der Meter kosten können, verarbeitet zu einem Mantel in etwa 60Stunden Arbeit, hat dieser dann den Preis eines Kleinwagens!

Und erst das Kunstwerk sakraler Gewänder, das Bruder Gerhard beherrscht, ein Talar wird mit Knöpfen geschlossen, vielen vielen kleinen Knöpfen und jedes einzelne Knopfloch wird mit der Hand versäubert. Diesen Bruder Gerhard, den hätte ich gerne kennengelernt. Aber jetzt heißt es wieder an den Arbeitstisch und bald schon ruft es ” Schwester Zange!” über den Tisch, denn durch die festgestopften Gliedmaßen lassen sich die Nadeln manchmal nur mit Hilfe der Zange weiter bewegen – und schon lacht der ganze Tisch, ” Schwester Zange und Bruder Gerhard”, in aller Kürze die ganze Würze unserer zwei Tage Puppenkurs. Abends fahre ich auf die andere Rheinseite zu einer guten alten Freundin, ihren Kindern und Mona, über sie ein andermal, gehe früh schlafen, um am nächsten Morgen wieder fit zu sein. Der nächste Morgen ist eher ein Mittag, denn ich bin erst mal gemütlich in die falsche Richtung gefahren und habe dann eine Stunde in bester Gesellschaft mit einer äthiopischen Dame auf dem Weg zur Kirche verbracht, sie erzählt mir ihr Leben und ich stricke an einem meiner ewigen Spüllappen. Als sie aussteigen muss sind wir beide glücklich darüber uns getroffen und gesprochen zu haben, in Berlin wäre mir das wohl nicht passiert. In Köln scheinen die Menschen offener, freundlicher und die öffentlichen Verkehrsmittel verwirrender als in Berlin.

Weiter, jetzt ist höchste Konzentration gefragt, Gesichter sticken, und schon wieder entpuppen sich die vier als wahre Talente. Und nicht nur Sticktalente, sie haben, als ich friedlich dem nächsten Morgen entgegenschlief gefeiert bis in die frühen Morgenstunden- 5Uhr!!!, getanzt, getrunken und sich des Zusammenseins erfreut. Aber sie sticken, als hätten sie nie etwas anderes gemacht und mindestens 8Stunden friedlichen Schlaf hinter sich. Jetzt bekommt jede einzelne Puppe ihren ganz eigenen Charakter mit dem Gesicht, was ja nur aus ein paar wenigen Stichen besteht, ein kleines Wunder jedes mal.

Aber nicht nur im Sticken und Feiern und Rollen sind die vier Schwestern Talente, so gut und innig, so viel Lachen, Scherze, gegenseitige Hilfe, Witz und Wille… die Liste bitte hier noch mindestens drei Zeilen weiter selbst vervollständigen mit guten Eigenschaften, liebe Leserin… hier möchte man die Eltern gerne kennenlernen der Schwestern, ein bisschen Mäuschen sein im Familienleben und jedem verzweifelten Elternpaar von einer kleinen Kinderschar, die zahnt und zangt erzählen, ihr wacht und sorgt euch nicht umsonst, es gibt da vier Schwestern, diese Gemeinschaft ist mehr wert als alles auf der Welt, wert jede gewachte Nacht, jedes Haare raufen und kisten weise Nahrungsmittel einkaufen, kochen, waschen.

Der Vater der Schwestern hält sich ein paar Rehe als Rasenmäher! Und es wurde abgewogen,ob Rehgulasch wohl das richtige sei um mich zu bewirten, erschien dann aber in Anbetracht der 1000Rehe etwas gewagt, ich hätte das Gulasch bestimmt gegessen und auch das Geheimnis um die 1000Rehe wurde gelüftet. Pizza hatten wir noch auf dem Tisch, die beste Polenta die ich je gegessen habe und nicht zu vergessen die Kapuzienerkresse im Salat, und die Holunderschorle, das Bier ( alkoholfrei) sonst wären die Nähte schief geworden, ach und all das andere.

Es war einfach Schwester Zange und Bruder Gerhard mit Euch- Danke!

Einen ganz besonderen Dank an die älteste der Schwestern, die ihr Haus und Organisationstalent zur Verfügung gestellt hat, Danke an den Koch und seine Geschichten aus dem Herrenschneider dasein, nur leider kann ich mir jetzt kein Jacket mehr von der Stange kaufen, jetzt wo ich weiß was für ein wirkliches Kunstwerk ein Jackett ist!

Auf meinem Weg zum Bahnhof, wurden schon wieder neue Köpfe gerollt,es soll noch mehr Puppen geben, und diesmal darf die Mutter der Schwestern auch dabei sein

… und ein paar Tage später erreicht mich ein wunderbares Foto darauf eine der Schwestern angeschnallt auf der Rückbank im Auto, zur Seite gekippt, schlafend, im Arm ihre selbst genähte Puppe.

Dieses Foto werde ich mir in eine Schatztruhe legen und, sollten mir je Zweifel kommen, warum Puppen machen, warum dieses Handwerk weitergeben, dann öffne ich die Truhe und hole das Foto heraus und ich werde wissen warum.